Archive

Archive for November, 2013

“Klare Ideen, komplexer Blick”: Rezension von “Land and Resource Scarcity”

November 15, 2013 Leave a comment

Eine Rezension des von Projektmitarbeiter Andreas Exner mit-herausgegebenen Buches “Land and Resource Scarcity”, das auch resilienzrelevante Fragestellungen behandelt.

Auf der Website resilience.org erschien am 15. Oktober eine Rezension unseres Buches “Land and Resource Scarcity” von Luis Gonzalez Reyes, Aktivist bei Ecologistas en Acción. Hier eine Übersetzung auf Deutsch.

Land and resource scarcity: Capitalism, struggle and well-being in a world without fossil fuels. Edited by Andreas Exner, Peter Fleissner, Lukas Kranzl and Werner Zittel. Routledge. New York, 2013.

Dieses Buch ist offenbar vor allem für Menschen geschrieben, die sich in sozialen Bewegungen engagieren, aber auch für all jene, die sich ob der gegenwärtigen globalen Krise Sorgen machen. Die erste bemerkenswerte Eigenschaft des Textes: Anders als bei der Mehrheit jener Bücher mit wechselnden Kapitel-Autor*innen hat die editorische Sorgfalt in diesem Fall zu ineinander verwobenen Kapiteln geführt, ohne dass etwas wiederholt würde. Das Resultat ist ein kohärenter Textfluss mit klaren Ideen, die über die ganze Länge des Buches entwickelt werden.

Eine zweite Tugend des Buches: Die Perspektiven der Leser*innen werden erweitert und es versucht einen komplexen Blick auf die Realität zu ermöglichen. Soziologische, ökonomische, ökologische, energietechnische und psychologische Aspekte werden in einer miteinander verbundenen Weise behandelt. Nur eine solche Analyse wird auch dazu führen können, zufriedenstellende Lösungen für die Krise der Zivilisation zu finden, in der wir uns befinden.

Die Hauptthese des Buches besteht im Wandel von Land zu einer grundlegenden strategischen Ressource im Zuge der wachsenden Schwierigkeiten fossile, aber auch andere wichtige Ressourcen zu fördern. Nach einer ausführlichen Begründung dieser Argumentation bietet das Buch eine Reihe von Überlegungen zu möglichen Strategien sozialer Bewegungen in einer Perspektive Solidarischen Post-Wachstums. Diese Strategien müssen den Kapitalismus überwinden. Denn dieser ist nicht in der Lage faire Lösungen zu bieten, umso weniger in einer Welt mit zunehmender Knappheit an Ressourcen.

Im ersten Kapitel mit dem Titel “Auswege aus den vielfachen Krisen mit ‘Grünem Wachstum’?” (“Exiting the multiple crises through ‘green’ growth?”) beschreiben die Autor*innen die gegenwärtige Krise als eine multiple Krise mit ineinander verschränkten ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten. Das Kapitel legt besonderes Augenmerk auf die Bedeutung von Energie und die räumlichen Dimensionen des Kapitalismus. Die Energiekrise kann nicht unter den Rahmenbedingungen des Kapitalismus beendet werden, dafür ist ein anderes Paradigma notwendig. “The end of the black epoch” (“Das Ende der schwarzen Epoche”) gibt eine detaillierte Analyse der Förderpeaks bei Erdöl, Gas und Kohle. Dabei wird zwischen den energetischen Qualitäten der verschiedenen Arten von flüssigem Treibstoff unterschieden (zum Beispiel zwischen Biofuels und konventionellem Erdöl), ebenso wie zwischen verschiedenen Arten fester fossiler Treibstoffe (den unterschiedlichen Arten von Kohle). Dieses Kapitel geht auch auf die ungleiche Verteilung dieser Ressourcen ein. Während einige Regionen darüber noch in erheblichem Ausmaß verfügen, und daher eine zentralere geostrategische Rolle spielen werden, gilt dies für andere Regionen, namentlich Europa, nicht. Sie werden weit größere Schwierigkeiten in der Energieaufbringung erfahren.

Das darauf folgende Kapitel “Der Stoff der Grünen Revolution” (“The stuff of the green revolution”) behandelt die Abhängigkeit der industriellen Landwirtschaft von Kunstdünger und im Besonderen die Schlüsselrolle des Peak Phosphor. Darüberhinaus wird die unvermeidliche Reduktion der agro-industriellen Produktion im Zuge des Peak Oil diskutiert.

Das vierte Kapitel des Buches, “Bergbau zwischen Comeback und Sackgasse” (“Mining between comeback and dead end”), wählt einen historischen Zugang zum Thema. Es zeigt die Verbindungen des Bergbaus mit dem patriarchalen System, mit Sklaverei, Kapitalismus und Krieg auf. Darüber hinaus werden die Umwelteffekte des Bergbaus untersucht. Entlang der Argumentationslinie der beiden vorhergehenden Kapitel wird der Peak verschiedener grundlegender Metalle, darunter Kupfer, ebenso wie die Abhängigkeit der Metallextraktion von fossilen Ressourcen dargestellt. Dies bedeutet, dass sich die Entwicklung erneuerbarer Energien schwerwiegenden Problemen gegenüber sehen wird, was die Verfügbarkeit basaler Metalle in Hinkunft betrifft – vor allem in Regionen wie Europa. Schließlich zeigt das Kapitel auf, wie soziale Kämpfe bestimmte Bergbauprojekte beeinflussen können.

Nachdem der ökologischen Kontext und die sozio-ökonomischen Implikationen beschrieben sind, argumentiert das Buch, dass die Kontrolle über das Land eine größere Zentralität erhalten wird (siehe das Kapitel “Land und die Zentralität der Biomasse”). Wie im vorangegangenen Kapitel beginnt auch dieses mit einem historischen Überblick der Nutzung von Biomasse und der sozialen Konflikte um die Kontrolle von Land. Dabei wird die Rolle von Landraub am Beginn der kapitalistischen Entwicklung hervorgehoben. Im Zuge dieses Überblicks zeigen die Autoren, wie die massive Nutzung von fossilen Ressourcen einen Wendepunkt in der sozialen und ökonomischen Konzeption von Land und Biomasse einleitete – letztere verlor nämlich an Bedeutung. Doch mit dem Erreichen der fossilen Peaks erhält die Kontrolle über Land erneut eine Schlüsselstellung, wie auch die zunehmenden sozialen Kämpfe darum anzeigen.

Dieser Punkt ist dann auch das Hauptthema des folgenden Kapitels “Der neue Landraub an den Grenzen des fossilen Energieregimes” (“The new land grab at the frontiers of the fossil energy regime”). Das krisenhafte Ernährungssystem, die Investitionsdynamiken des globalen Kapitalismus und der Peak Oil werden als Rechtfertigung der neuen Runde von Landraub herangezogen, vor allem in Afrika. Die Akteure sind das große Kapital mit Unterstützung der Weltbank. Dieses Kapitel bringt eine Fallstudie zum sub-saharischen Raum, mit Bezug sowohl auf den Landraub als auch auf Kämpfe zur Umverteilung von Land.

Das siebte Kapitel “Mögliche Zukünfte zwischen Diktatur, Chaos und gutem Leben” (“Possible futures among dictatorship, chaos, and living well”) eröffnet die Tür zu dem dritten Teil des Buches. Es enthält eine Prognose für die Zukunft, vor allem aber strategische Reflexionen in Hinblick auf emanzipatorische soziale Bewegungen. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Obwohl das Szenario, das im Buch bis hierher gezeichnet worden ist, nicht besonders hoffnungsvoll stimmen kann, hängt die weitere Entwicklung letztlich von der Entwicklung sozialen Widerstands ab, wird betont – genauso wie dies auch in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Im Sinn einer Übung in politischer Fiktion werden verschiedene Szenarien ausgeleuchtet und drei Länder analysiert (Japan, Nordkorea, Kuba). Diese drei haben Perioden von dramatischer Energieknappheit erlebt, aber mit sehr verschiedenen Ergebnissen. Die Hauptthese dieses Kapitels ist: Je prominenter der Stellenwert der Solidarität in einer Gesellschaft ist, und je mehr Gemeingüter existieren, desto leichter wird eine emanzipatorische Lösung der Energiekrise fallen, und umgekehrt.

“Solidarische Post-Wachstumsökonomie: Die Große Transformation des 21. Jahrhunderts (“De-growth solidarity: the great transformation of the twenty-first century”) beginnt mit einer Zusammenfassung der wechselseitigen Verbindung zwischen Land, Ressourcen, Kapitalismus (und seiner inhärenten Wachstumsnotwendigkeit), und den sozialen Kämpfen, die über das ganze Buch hinweg aufgezeigt worden sind. Davon ausgehend reflektiert das Kapitel wie eine Solidarische Post-Wachstumsökonomie in einer Welt mit zunehmend limitierten Ressourcen verwirklicht werden kann. Eine Solidarische Post-Wachstumsökonomie ist durch eine Solidarische Ökonomie auf der Basis von Gemeingütern charakterisiert, die Reziprozität verwirklicht. Der Angelpunkt dieser Transformation liegt in der Organisation kooperativer Beziehungen auf verschiedenen Komplexitätsniveaus. Sie können als Anschauungsmaterial dahingehender Diskussionen dienen.

Abschließend folgt “Eine Strategie der Doppelmacht: Staat und globale Regulation” (”A strategy of double power: the state and global regulation”). Dieses letzte Kapitel gründet sich auf eine Analyse des Staates in der sozialen Organisation und im Kapitalismus. Davon ausgehend wird die mögliche Entwicklung des Staates in einer Transformation zu einer Solidarischen Post-Wachstumsökonomie diskutiert. Auf der einen Seite kann der Staat dazu dienen Politiken von oben voranzutreiben, während zugleich die Gesellschaft Selbstorganisation ausweiten kann, die den Staat schrittweise auflösen könnte. Diese Diskussion zielt spezifisch auf die Frage wie ein globales Ressourcenmanagement aussehen könnte.

Dieser dritte Teil des Buches steht am meisten zur Debatte. Der erste Teil bietet aktuelle und gut ausgewählte Daten um die gegenwärtige globale Krise zu beschreiben. Für jene, die sich mit diesen Themen schon befasst haben, wird der Teil allerdings nichts qualitativ Neues behandeln. Der zweite Teil reflektiert ein Hauptelement der Zukunft (die rasch zur Gegenwart wird): Land. Die strategische Frage freilich ist, was soziale Bewegungen nun genau in den Blick nehmen müssen. In dieser Hinsicht bringt das Buch einige wichtige Beiträge, aber man muss sie näher diskutieren. Weiters wäre vonnöten einige darüberhinausgehende Folgen der fossilen Peaks zu analysieren, zum Beispiel die Verlagerung von Ökonomien und Gesellschaft – ein Punkt, den das Buch nur marginal streift.

Neben der Diskussion möglicher Strategien wäre es auch sinnvoll mögliche Szenarien mehr im Detail zu untersuchen. Wie werden die Auswirkungen von Ressourcenverknappungen auf die Bevölkerungsdynamik aussehen? Wie werden Staaten transformiert werden? Wie werden sich die sozialen Subjektivitäten verändern? Mit welcher Art von Ökonomie werden wir es zu tun haben? Welche Gefühle werden den gesellschaftlichen Körper bestimmen? Welche Art internationaler Beziehungen wird dominieren? Wie werden sich die Herrschaftsverhältnisse entwickeln? Antworten auf diese Fragen zu finden macht sehr viel Sinn. Dies gibt der strategischen Diskussion nämlich einen möglichen Kontext in der sie sich bewegen kann. Diese Fragen werden im Buch nicht behandelt, sie überschreiten seine Zielsetzung. Dennoch: Es bietet die notwendigen theoretischen und empirischen Werkzeuge dafür – ein weiterer seiner Pluspunkte.